Der Zaubergarten und seine Herrin

Es war einmal ein Chan. Er war streng und klug und besaß drei Söhne.
Die Söhne liebten ihren Vater, und als der Chan im Alter erblindete und krank und siech wurde, fragten die Söhne:
-Vater, sollte es wirklich keine Arznei für deine Augen geben? Kein Mittel gegen deine Krankheit?
-Doch, liebe Söhne. Die Früchte aus einem Zaubergarten würden mir helfen, doch sie sind für uns unerreichbar. Die Herrin der ewigen Jugend bewacht sie.
-Lieber Vater, wir werden uns auf die Suche nach dem Zaubergarten begeben.

Als erster zog der Älteste aus. Er fütterte sein Pferd, nahm eine zuverlässige Waffe, ritt an seinem Berg, ritt an einem fremden Berg vorbei, ließ ein verschneites Tal hinter sich, dann ein vereistes Tal und begegnete gegen Morgen einem Greis mit schlohweißem Bart, der sich zur Erde hinabbeugte und mit Fäden aus Grashalmen die Risse in dem von der Sonnenglut ausgedörrten Weg zusammennähte.
Der älteste Sohn war über diese Beschäftigung so verwundert, dass er spöttisch rief:
-Du wirst nähen und nähen und doch nie zu Ende kommen.
-Du wirst reiten und reiten und dennoch dein Ziel nicht erreichen!
Die Worte des Greises erzürnten den Sohn des Chan. Er ritt ohne ein Wort weiter.

Endlich gelangte er in eine Gegend, wo die Milch in Strömen floss und auch im Winter die Weintrauben reiften.
-Wenn es irgendwo in der Welt einen Zaubergarten gibt, so muss er hier liegen, dachte der Jüngling.
Er füllte seine Satteltasche mit all den herrlichen Früchten und kehrte nach Hause zurück.
-Was kommst du nicht früh und nicht spät? Fragte der Vater.
          Hattest du einen weiten Weg, mein Sohn?
-Ja, mein Vater. Ich kam in eine Gegend, wo die Milch in Strömen fließt und mitten im Winter Weintrauben reifen. Wenn es irgendwo in der großen weiten Welt Zaubergärten gibt, so bin ich dort gewesen.

Sprach der Chan: Oh weh, mein Sohn, zu diesen Gärten ist es viel weiter. Die Orte, an denen du weiltest, habe ich in jungen Jahren schneller erreicht, als ein Greis brauchte, um in aller Ruhe sein Pfeifchen zu schmauchen.

Die Reihe kam an den mittleren Sohn. Auch er nahm sich eine zuverlässige Waffe und ein feuriges Ross, ritt über Berge und durch tiefe Täler und begegnete ebenfalls dem Greis, der die Risse im Weg vernähte.
-Du wirst nähen und nähen und doch nie zu Ende kommen!   Rief der Jüngling.
-Dir wird´s ähnlich ergehen,  erwiderte der Greis.
Lachend ritt der Sohn des Chan weiter. Er kam an den Ufern vorbei, wo die Milch in Strömen floss, ließ die Erde hinter sich, auf der auch im Winter die Weintrauben reiften, und geriet endlich in eine Gegend, wo sich Berge von Butter auftürmten, wo glutheißer Sandstaub aufwirbelte und man zugleich bis zu den Knien im Morast versank.
Dann gelangte er in Gärten, wie es sie wohl nur im Paradies geben mag.
Der Jüngling füllte seine Satteltaschen mit den wundervollsten Früchten und kehrte nach Hause zurück.
-Was kommst du nicht früh und nicht spät?  Fragte der Vater.  Hattest du einen weiten Weg, mein Sohn?
-Er war wohl weit, mein Vater. Ich kam durch Gegenden, in denen die Milch in Strömen fließt, die Butter sich zu Bergen türmt, ich war dort, wo mitten im Winter Weintrauben reifen, und dort, do dicht beieinander Sumpfland liegt und Sandstaub aufwirbelt, und kam schließlich in Gärten, wie es sie wohl nur im Paradies gibt. Wenn es auf der großen weiten Welt einen Zaubergarten gibt, so liegt er dort.
-Oh weh, mein Sohn, in die Gegend, in der du weiltest, gelangte ich in jungen Jahren schneller, als eine flinke Hausfrau Chinkaly bereitet. Bis zu den Zaubergärten ist es viel, viel weiter.

Da trat der jüngste Sohn zu dem Chan:
-So will ich ausziehen und den Zaubergarten ausfindig machen.
Er nahm denselben Weg wie seine Brüder, ließ Berge und Schluchten hinter sich.
Dann begegnete er dem Greis, der die Risse im Weg nähte.
-Kann ich dir vielleicht helfen, Vater?  Fragte der Jüngling freundlich.
-Danke, mein Sohn, lieber möchte ich dir helfen.
-Oh, wenn du das könntest!  Der Jüngling war hocherfreut über das Angebot und erzählte dem Alten von seinem Auftrag.
Der Alte hörte aufmerksam zu.
-Du kannst diese Aufgabe lösen, nur lasse dir Zeit und sieh dich vor, wenn du etwas Seltsames erblickst. Zuerst musst du vorbei an Orten, wo Milch und Honig in Strömen fließen und wo sich die Butter bergehoch türmt. Du musst noch einmal so lange reiten, wie du von daheim gebraucht hast, du musst die Abendsonne grüßen und die Morgensonne erreichen, vorbeireiten an einem Kristallturm und an einem silbernen Turm. Anhalten darfst du erst vor einem goldenen Turm. Dort breiten sich Gärten aus, die du suchst. Dort gedeihen die Früchte, die Kranke gesund machen.
Der Alte warnte:
-Wenn du dich dem eisernen Tor des Gartens näherst, hüte dich, es mit den Händen zu berühren! Nimm einen eisernen Stab und stoße damit das Tor auf! Wenn du den Garten betrittst, umwickle deine Füße mit Gras und pflücke die Früchte auf keinen Fall mit den Händen. Nimm dafür einen am Ende gespaltenen Stock!
-Hab Dank für deinen Rat, Vater,  - erwiderte der Jüngling.
Er wünschte dem Greis Gesundheit und setzte seinen Weg fort.

Ob er lange Zeit brauchte oder nicht, der Jüngling kam an den Flüssen vorbei, an den Butterbergen, an den Türmen. In der Abenddämmerung stand er vor dem Zaubergarten.
Kaum hatte er mit einem eisernen Stab das Tor berührt, taten sich die Torflügel vor ihm auf.
-Herrin, erwache! Wir werden mit Eisen gestoßen! Das Eisen ist stärker als wir!
-Schweigt! Lasst mich schlafen! – Die Herrin des Haubergartens war unwillig, weil sie in ihrer Ruhe gestört wurde.
          Was sollte euch sonst anstoßen, wenn nicht Eisen.
Inzwischen hatte der Sohn des Chan seine Füße mit Gras umwickelt und war in den Garten getreten.
-Erwache, Herrin!  Jammerten die Blumen.  Gras drückt uns nieder.
-Schweigt! Lasst mich schlafen!  Was sollte euch sonst niederdrücken, wenn nicht das Gras?
Der Sohn des Chan hatte mittlerweile das Ende eines Steckens gespalten und begann die Früchte zu pflücken.
-Erwache, Herrin!  - raunten die Früchte.  Es ist wohl ein Zweig, der uns berührt, ein Zweig reißt uns ab.
-Schweigt und stört mich nicht!  Murmelte die Herrin mürrisch.  Was kann euch schon berühren, wenn nicht ein Zweig.


Nachdem der Sohn des Chan seine Satteltaschen mit den Früchten gefüllt hatte, wollte er sich auf den Heimweg begeben. Doch da fuhr ihm durch den Kopf:
Warum soll ich, wo ich nun schon einmal hier im Zaubergarten bin, mir nicht auch die Herrin anschauen? Einen einzigen Blick auf sie werfen? Dachte es und betrat den goldenen Turm.
Er bekam seinen Mund nicht wieder zu vor Erstaunen. So viel Schönes hatte sein Auge noch nicht geschaut. Es war taghell, und auf festlichen Tafeln standen leckere Speisen und Getränke. Es fehlte an nichts, nicht einmal an Nachtigallenmilch.
Der Sohn des Chan griff munter zu und schlenderte weiter.
Da gewahrte er die Herrin des Zaubergartens auf ihrem Ruhelager. Sie schlief zwar, doch das Leuchten, das von ihr ausging, tauchte den ganzen Turm in strahlendes Licht.
Ihre Wangen trugen die Farbe der zarten Morgenröte.
Der Jüngling konnte es sich nicht versagen und küsste das wunderschöne Mädchen auf die Wange. Sofort legte sich auf die Stelle, die der Jüngling berührt hatte, schwarze Abenddämmerung.
Die Herrin des Zaubergartens erwachte aber nicht, sind die sanften Lippen eines unschuldigen Jünglings für ein Mädchen doch so zart wie Wildblumen fürs Gras.
Der Sohn des Chan verlor alle Lust heimzukehren.
Doch dort wartete der kranke Vater. So folgte der Jüngling dem Ruf der Pflicht.
-Sei gegrüßt, mein Sohn! Du bist nicht früh gekommen. Anscheinend hattest du einen weiten Weg?
-Ja, Vater, - und wehmütig fügte sein Sohn hinzu: Ich war im Zaubergarten. Seine Herrin geht mir nicht mehr aus dem Sinn.

Unterdessen war die Herrin des Zaubergartens gegen Morgen erwacht. Sie trat an die gedeckte Tafel und bemerkte: jemand hatte ihr Essen und ihre Getränke berührt.
Sie schaute in den Spiegel und sah die Farbe der Abenddämmerung auf ihrer Wange.
-Sprich, Spiegel, wer war heute Nacht bei uns?
Der Spiegel erzählte es ihr.
Da sammelte die Herrin des Zaubergartens ihr Heer und zog an seiner Seite  in das Reich des weisen alten Chan. Sie umzingelte sein Chanat und befahl:
-Führt mir den Helden vor, der sich erkühnt hat, die Früchte in meinem Garten zu pflücken!
Der älteste der drei Brüder trat vor die Herrin und dachte sich:
-Ich werde sagen, dass ich sie als erster gepflückt habe!
-Du also hast die Früchte in meinem Garten gepflückt?
-Ja, Herrin.
-Wie hast du sie gepflückt?
-Was heißt wie? – Der Jüngling war verwundert. – Mit den Händen natürlich.
Da lachte die Herrin des Zaubergartens.
-Geh heim, nicht du warst in meinem Garten.
Nun beschloss der mittlere Bruder, vor die Herrin des Zaubergartens zu treten.
Doch ihm erging es wie dem ältesten. Schließlich machte sich der jüngste Bruder auf.
-Du also bist der Kühne, der die Früchte in meinem Garten gepflückt hat?
-Wer sonst?
-Wie hast du sie gepflückt?
Der Jüngling erzählte, wie er die verzauberten Wächter des Gartens – die Torflügel am Eingang, die Blumen und die Früchte – überlistet hatte.

Da erhob sich die Herrin des Zaubergartens und küsste den Jüngling vor allem Volk dreimal auf die rechte und dreimal auf die linke Wange.
-Das ist die Vergeltung – erklärte sie lachend – Unser Brauch verlangt es, dass wir uns gestohlenes Gut doppelt und dreifach zurückholen.

Voller Freude führte der jüngste Sohn des Chan die Herrin des Zaubergartens zu seinem Vater. Sofort wurde es licht im Palast. Die Herrin des Zaubergartens strich zuerst mit den Händen über ihr eigenes Antlitz, das die Farbe der Morgenröte trug, dann über das Gesicht des Greises, und er konnte wieder sehen. Danach strich das schöne Mädchen mit ihren Händen über die Brust des Chan, und die Krankheit floh aus seinem Körper.

Der jüngste Sohn des Chan heiratete die Herrin des Zaubergartens,
und sie bekamen Söhne, die dem Vater glichen, und Töchter, die der Mutter glichen,
und sie leben in Glück und in Freuden bis zum heutigen Tag.



Quelle: Die verwechselten Beine, Dagestan, Verlag Der Morgen, Berlin
Leicht bearbeitet Ingrid Erlhage 11/2012